Sein ist Form mal Zeit. – Dynamischer Inhalt, multiple Zeichen, neue Technik

Es ist die Zeit zwischen Gutenberg-Galaxis und dem, was kommen wird: Dem Loslösen aller medialer Elemente von den Konventionen aus der Ära der gedruckten Medien. Formen wie Schriftzeichen verflüchtigen sich, befreien sich in Raum und Zeit.

Diese mediale Zwischenzeit wird geprägt von einer stetig wachsenden Dynamisierung von Content: Hypertexte, Hyper-Bilder, Hyper-Videos als bewegte Fotos, Grafik oder Illustration. Benutzer können Layouts ihren individuellen Bedürfnissen gemäß einstellen. Schriftgrößen können mit großer Selbstverständlichkeit bei Internet-Browsern vom Leser an Bildschirmauflösungen bzw. Sehgewohnheiten angepasst werden. Bei Computerarbeitsplätzen – von der Textverarbeitung bis hin zu komplexen Anwendungs- und Analyseprogrammen – werden individuelle Einstellungen vorgenommen. Dieser Prozess wird sukzessive alle Medien erreichen. Mit der gleichen Selbstverständlichkeit dynamisieren die klassischen Printmedien wie Zeitungen und Zeitschriften ihren Content: Fotos werden zu Videos, Schaubilder bzw. Daten aktualisieren sich selbständig – heute im Internet, morgen immer und überall.

Alles wird Display: Alltagsgegenstände wie Möbel oder Kleidung werden dynamische Information anzeigen. Visuelle Elemente können vom Tisch zur Jacke wandern. Alles wird vernetzt werden: Der sich auf der Jacke befindliche Text – ob dekorativ oder kommunikativ – kann jederzeit verändert, archiviert oder versendet werden. All die Funktionen, die Mobiltelefone zum Übertelefon machen, werden im Laufe der Zeit auf die dynamischen mobilen visuellen Medien übertragen. Und es wird nicht bei visuellen Informationen bleiben, die Alltagsgegenstände erobern.

Durch diesen Dynamisierungs-Prozess wird es print-ähnliche Medien noch lange Zeit geben: Der Benutzer als Leser ist in seinem Verhalten sehr träge. Auch wenn sich der Bedruckstoff Papier sukzessive zum sensiblen Kunststoff-Display verändern wird: Schrift, Einteilungsraster oder Layoutprinzipien bleiben zunächst bestehen. Ein Glück für Designer, die nicht alle typografischen Konventionen grundsätzlich neu entwickeln und erforschen müssen.

Trotzdem werden Text oder Schrift wie sie uns heute selbstverständlich erscheinen, ihre Relevanz verlieren. Aus vorwiegend statischen Bedeutungsträgern werden dynamische, bewegliche, anpassungsfähige Darsteller medialen Contents: 3D-tauglich als Informationsträger in Raum und Zeit; Elemente der Ordnung, Strukturierung, Orientierung und letztendlich nur so Leitmedien der Navigation bleiben.

Im ersten Schritt weden die typografischen Gestaltungsmittel von technischen Innovationen ausgehenden neuen Medienlösungen einverleibt werden: Vergleichbar mit der DTP-Invasion in den 1980er Jahren werden Gestaltungsmittel frei – und das ist gut für eine unblockierte Entwicklung – und ohne Ehrfurcht vor typografischen Konventionen eingesetzt.

Neue typografische Stilmittel werden Informationen über ihren Leser besitzen, den Content und die Nutzungs-Situation. Ähnlich wie es heute in der Netzkommunikation beispielsweise bei Twitter geschieht, wo jedes Content-Modul mindestens den Verfasser kennt, möglicherweise auch einen speziellen Adressaten und mehr. Künftige Typografie wird sich automatisch an Lesegewohnheiten und -bedürfnisse, spezielle Inhalte und möglicherweise die Beleuchtungs-Situation anpassen. Wird das Medium einem anderen Benutzer weitergereicht, verändert sich die Gestaltung dynamisch nach individuellem Profil – vom Benutzer eingestellt oder vom System beobachtet und angepasst. Das bedeutet wiederum, Kommunikation benötigt neue Gestaltungs-Maximen. Buchstaben bzw. Zeichenformen haben sich mit den Epochen immer verändert. Was Schriftzeichen nach Griffel, Meisel, Pinsel oder Pixel erwartet, ist im Detail nicht abzusehen. Zeichen bekommen virtuelle Körper. Zeichenformen können körperhafte Ausprägungen erhalten. Benutzer werden sich im Zuge von Kommunikationsprozessen vermehrt relativ zu Schriftzeichen bewegen. Logos und Schriftgrafik insgesamt muss auch von hinten, oben, unten oder aus der Bewegung heraus ihre Inhalte kommunizieren. Einzelne Zeichen drehen sich selbständig so zum Betrachter hin, dass diese immer optimal zu lesen sind – vergleichbar mit dem Hinting-Verfahren, das bei der Schriftdarstellung dafür sorgt, dass die Schrift-Geometrie und somit der Charakter eines Schriftzeichens erhalten bleibt – und nicht zuletzt die Lesbarkeit der Zeichensätze in extremen Situationen fördert.

So werden Display-Medien als Informationsträger vielfältige Ausprägungen bekommen: Der gemeinsame Nenner werden – neben den medialen Inhalten – Schrift und Bild als mediale Zeichen sein: abstrakte Schriftzeichen als Basis für Textelemente – Bildmedien wie Fotografien, Videobilder oder Grafiken als symbolische, piktogrammatische oder indexikalische Elemente und Träger komplexer Informationen. Und – ein weiterer Glücksfall für die Gestalter – nicht alle Elemente werden dynamisiert werden und die Problematik der geringen Bildschirm-Auflösung für gute Detail-Darstellung werden mit den neuen Displays bzw. medialen Oberflächen irrelevant sein. Allerdings werden die medialen Umgebungen insgesamt immer bewegter und visuell intensiver werden. Gestalter müssen diese Umfelder berücksichtigen, visuelle Dramaturgien kennen und im Entwurf einsetzen können. Zwei Ansätze sind dabei denkbar: Einerseites können Grundstrukturen wie Buchstabenformen, Farben etc. beibehalten und richtig inszeniert werden. Andererseits müssen grundlegende Elemente wie Zeichenformen oder bislang funktionierende Bildsprachen – wie Funktionsmechanismen aus der visuell-verbalen Rhetorik – in Frage gestellt, muss nach neuen Lösungen gesucht werden. Letzteres wird durch die angesprochenen technologischen Fortschritte vorangetrieben werden.

Eine Option sind animierte und hoch kommunikative auf Fontsatz-Basis bewegliche Schriftzeichen. Diese neuen Zeichen werden ein Bewusstsein haben: Wissen und Anwendungskonzepte auf der Grundlage ihrer Form, ihres Inhaltes, ihres Nutzungs-Kontextes und nicht zuletzt ihres Rezipienten: Jedes (Schrift-)Zeichen könnte Meta-Informationen beinhalten, danach (re-)agieren und wirken.

Und die Zeitung wird es auch dann immer noch geben – nur eben im Detail mit anderen Ausprägungen. Verändern werden sich die Strukturen der Verlage: Es wird vermehrt zwischen Content-Provider, Content-Sortierer und Content-Darsteller bzw. -Distributoren unterschieden werden müssen. D. h. der Leser kauft sich im Elektronik-Fachhanel oder am Zeitungs-Kiosk sein bevorzugtes Ausgabemedium – sagen wir die neue Pocket-Zeitungs-Folie. Bei den Verlagshäusern X und Y abonniert er seine bevorzugten Inhalte, wie die Ergebnisse und Berichte zu seiner Lieblings-Sportart plus regionale Informationen seiner Heimat-Zeitung. Das dynamische Layout liefert eine auf die typografische Repräsentation veränderlicher redaktioneller Inhalte spezialisierte Design-Agentur. Auch das passiert in Light-Ausprägung bei Twitter: Jeder ist Autor, der Content-Module veröffentlicht und jeder kann Abonnent sein, der sich dieser Module bedient, sie kommentiert und ggf. weiterentwickelt.

Sobald die technologischen Barrieren wie alte Programmierstrukturen oder formale Eingrenzungen im Papier- bzw. Bildschirmformat überwunden sind, werden Texte in ihren Darstellungsqualitäten Freiheit spüren – eine spannende Herausforderung für alle typografischen Gestalter, die die Anforderungen des Kunden und des Betrachters genauso wie die Konzepte der Inhaltsvermittlung berücksichtigen müssen. Der mediale Zustand von Content ist formale Ausprägung innerhalb eines Mediums in gezielten und kommunikativen visuellen Dramaturgien: Form mal Zeit.

fb|2009|08

Eine typografische Betrachtung als Animation: Texte und Zitate von Erich Fromm, Paul Virilio und Marshall McLuhan in neuen Zusammenhängen, animiert in Raum und Zeit (YouTube).

[Letzter Aufruf: Dezember 2018]

Sein ist Form mal Zeit. – Dynamischer Inhalt, multiple Zeichen, neue Technik

Es ist die Zeit zwischen Gutenberg-Galaxis und dem, was kommen wird: Dem Loslösen aller medialer Elemente von den Konventionen aus der Ära der gedruckten Medien. Formen wie Schriftzeichen verflüchtigen sich, befreien sich in Raum und Zeit.

Diese mediale Zwischenzeit wird geprägt von einer stetig wachsenden Dynamisierung von Content: Hypertexte, Hyper-Bilder, Hyper-Videos als bewegte Fotos, Grafik oder Illustration. Benutzer können Layouts ihren individuellen Bedürfnissen gemäß einstellen. Schriftgrößen können mit großer Selbstverständlichkeit bei Internet-Browsern vom Leser an Bildschirmauflösungen bzw. Sehgewohnheiten angepasst werden. Bei Computerarbeitsplätzen – von der Textverarbeitung bis hin zu komplexen Anwendungs- und Analyseprogrammen – werden individuelle Einstellungen vorgenommen. Dieser Prozess wird sukzessive alle Medien erreichen. Mit der gleichen Selbstverständlichkeit dynamisieren die klassischen Printmedien wie Zeitungen und Zeitschriften ihren Content: Fotos werden zu Videos, Schaubilder bzw. Daten aktualisieren sich selbständig – heute im Internet, morgen immer und überall.

Alles wird Display: Alltagsgegenstände wie Möbel oder Kleidung werden dynamische Information anzeigen. Visuelle Elemente können vom Tisch zur Jacke wandern. Alles wird vernetzt werden: Der sich auf der Jacke befindliche Text – ob dekorativ oder kommunikativ – kann jederzeit verändert, archiviert oder versendet werden. All die Funktionen, die Mobiltelefone zum Übertelefon machen, werden im Laufe der Zeit auf die dynamischen mobilen visuellen Medien übertragen. Und es wird nicht bei visuellen Informationen bleiben, die Alltagsgegenstände erobern.

Durch diesen Dynamisierungs-Prozess wird es print-ähnliche Medien noch lange Zeit geben: Der Benutzer als Leser ist in seinem Verhalten sehr träge. Auch wenn sich der Bedruckstoff Papier sukzessive zum sensiblen Kunststoff-Display verändern wird: Schrift, Einteilungsraster oder Layoutprinzipien bleiben zunächst bestehen. Ein Glück für Designer, die nicht alle typografischen Konventionen grundsätzlich neu entwickeln und erforschen müssen.

Trotzdem werden Text oder Schrift wie sie uns heute selbstverständlich erscheinen, ihre Relevanz verlieren. Aus vorwiegend statischen Bedeutungsträgern werden dynamische, bewegliche, anpassungsfähige Darsteller medialen Contents: 3D-tauglich als Informationsträger in Raum und Zeit; Elemente der Ordnung, Strukturierung, Orientierung und letztendlich nur so Leitmedien der Navigation bleiben.

Im ersten Schritt weden die typografischen Gestaltungsmittel von technischen Innovationen ausgehenden neuen Medienlösungen einverleibt werden: Vergleichbar mit der DTP-Invasion in den 1980er Jahren werden Gestaltungsmittel frei – und das ist gut für eine unblockierte Entwicklung – und ohne Ehrfurcht vor typografischen Konventionen eingesetzt.

Neue typografische Stilmittel werden Informationen über ihren Leser besitzen, den Content und die Nutzungs-Situation. Ähnlich wie es heute in der Netzkommunikation beispielsweise bei Twitter geschieht, wo jedes Content-Modul mindestens den Verfasser kennt, möglicherweise auch einen speziellen Adressaten und mehr. Künftige Typografie wird sich automatisch an Lesegewohnheiten und -bedürfnisse, spezielle Inhalte und möglicherweise die Beleuchtungs-Situation anpassen. Wird das Medium einem anderen Benutzer weitergereicht, verändert sich die Gestaltung dynamisch nach individuellem Profil – vom Benutzer eingestellt oder vom System beobachtet und angepasst. Das bedeutet wiederum, Kommunikation benötigt neue Gestaltungs-Maximen. Buchstaben bzw. Zeichenformen haben sich mit den Epochen immer verändert. Was Schriftzeichen nach Griffel, Meisel, Pinsel oder Pixel erwartet, ist im Detail nicht abzusehen. Zeichen bekommen virtuelle Körper. Zeichenformen können körperhafte Ausprägungen erhalten. Benutzer werden sich im Zuge von Kommunikationsprozessen vermehrt relativ zu Schriftzeichen bewegen. Logos und Schriftgrafik insgesamt muss auch von hinten, oben, unten oder aus der Bewegung heraus ihre Inhalte kommunizieren. Einzelne Zeichen drehen sich selbständig so zum Betrachter hin, dass diese immer optimal zu lesen sind – vergleichbar mit dem Hinting-Verfahren, das bei der Schriftdarstellung dafür sorgt, dass die Schrift-Geometrie und somit der Charakter eines Schriftzeichens erhalten bleibt – und nicht zuletzt die Lesbarkeit der Zeichensätze in extremen Situationen fördert.

So werden Display-Medien als Informationsträger vielfältige Ausprägungen bekommen: Der gemeinsame Nenner werden – neben den medialen Inhalten – Schrift und Bild als mediale Zeichen sein: abstrakte Schriftzeichen als Basis für Textelemente – Bildmedien wie Fotografien, Videobilder oder Grafiken als symbolische, piktogrammatische oder indexikalische Elemente und Träger komplexer Informationen. Und – ein weiterer Glücksfall für die Gestalter – nicht alle Elemente werden dynamisiert werden und die Problematik der geringen Bildschirm-Auflösung für gute Detail-Darstellung werden mit den neuen Displays bzw. medialen Oberflächen irrelevant sein. Allerdings werden die medialen Umgebungen insgesamt immer bewegter und visuell intensiver werden. Gestalter müssen diese Umfelder berücksichtigen, visuelle Dramaturgien kennen und im Entwurf einsetzen können. Zwei Ansätze sind dabei denkbar: Einerseites können Grundstrukturen wie Buchstabenformen, Farben etc. beibehalten und richtig inszeniert werden. Andererseits müssen grundlegende Elemente wie Zeichenformen oder bislang funktionierende Bildsprachen – wie Funktionsmechanismen aus der visuell-verbalen Rhetorik – in Frage gestellt, muss nach neuen Lösungen gesucht werden. Letzteres wird durch die angesprochenen technologischen Fortschritte vorangetrieben werden.

Eine Option sind animierte und hoch kommunikative auf Fontsatz-Basis bewegliche Schriftzeichen. Diese neuen Zeichen werden ein Bewusstsein haben: Wissen und Anwendungskonzepte auf der Grundlage ihrer Form, ihres Inhaltes, ihres Nutzungs-Kontextes und nicht zuletzt ihres Rezipienten: Jedes (Schrift-)Zeichen könnte Meta-Informationen beinhalten, danach (re-)agieren und wirken.

Und die Zeitung wird es auch dann immer noch geben – nur eben im Detail mit anderen Ausprägungen. Verändern werden sich die Strukturen der Verlage: Es wird vermehrt zwischen Content-Provider, Content-Sortierer und Content-Darsteller bzw. -Distributoren unterschieden werden müssen. D. h. der Leser kauft sich im Elektronik-Fachhanel oder am Zeitungs-Kiosk sein bevorzugtes Ausgabemedium – sagen wir die neue Pocket-Zeitungs-Folie. Bei den Verlagshäusern X und Y abonniert er seine bevorzugten Inhalte, wie die Ergebnisse und Berichte zu seiner Lieblings-Sportart plus regionale Informationen seiner Heimat-Zeitung. Das dynamische Layout liefert eine auf die typografische Repräsentation veränderlicher redaktioneller Inhalte spezialisierte Design-Agentur. Auch das passiert in Light-Ausprägung bei Twitter: Jeder ist Autor, der Content-Module veröffentlicht und jeder kann Abonnent sein, der sich dieser Module bedient, sie kommentiert und ggf. weiterentwickelt.

Sobald die technologischen Barrieren wie alte Programmierstrukturen oder formale Eingrenzungen im Papier- bzw. Bildschirmformat überwunden sind, werden Texte in ihren Darstellungsqualitäten Freiheit spüren – eine spannende Herausforderung für alle typografischen Gestalter, die die Anforderungen des Kunden und des Betrachters genauso wie die Konzepte der Inhaltsvermittlung berücksichtigen müssen. Der mediale Zustand von Content ist formale Ausprägung innerhalb eines Mediums in gezielten und kommunikativen visuellen Dramaturgien: Form mal Zeit.

fb|2009|08

Eine typografische Betrachtung als Animation: Texte und Zitate von Erich Fromm, Paul Virilio und Marshall McLuhan in neuen Zusammenhängen, animiert in Raum und Zeit (YouTube).

[Letzter Aufruf: Dezember 2018]